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Gaspedal ohne Bremse: Wie digitale Angebote uns fesseln und was wir dagegen tun können

Immer noch ein Video, noch ein Level, noch eine Wette: Digitale Angebote sind so gebaut, dass wir dranbleiben. Prävention beginnt mit dem Verständnis dahinter.

Am diesjährigen Präventionstag des Fachverbands Sucht drehte sich vieles um digitale Angebote und ihre Wirkung auf uns. Smartphones, soziale Medien und Games gehören mittlerweile zum Alltag aller Altersgruppen. Ob sie zur Ressource oder zum Risiko werden, hängt weniger vom Medium ab als davon, wie und weshalb es genutzt wird. Jugendliche nutzen digitale Angebote vor allem, um in Kontakt zu bleiben und Gefühle zu regulieren. Erwachsene setzen sie eher zielgerichtet ein, etwa um sich zu organisieren und zu informieren. Wer bewusst mit ihnen umgeht, kann sie als Unterstützung nutzen. Eine Smartwatch etwa macht Fortschritte beim Sport oder beim Schlaf sichtbar und kann so die Selbstwirksamkeit stärken, sie kann aber auch Druck erzeugen, wenn Zahlen und Ziele zu wichtig werden. 

Problematisch wird es, wenn Angebote gezielt darauf ausgelegt sind, uns möglichst lange zu fesseln. Dabei spielen zwei Systeme im Gehirn eine Rolle: Das Belohnungssystem wirkt wie ein Gaspedal, der präfrontale Cortex wie die Bremse. Diese Bremse ist erst mit etwa 25 Jahren ausgereift. Soziale Medien trainieren vor allem das Gaspedal. Nicht jedes Video ist spannend, aber das nächste könnte es sein, und weil das Scrollen nie endet, gibt es keinen natürlichen Punkt zum Aufhören. Mit jeder Wiederholung wird das Belohnungssystem stärker, bis die Bremse kaum noch mithalten kann.  

Ähnliche Mechanismen finden sich auch in Games. Viele Spiele sind gratis, finanzieren sich aber über Käufe im Spiel, wobei oft mit Spielwährungen gearbeitet wird. So rückt der reale Geldbetrag in den Hintergrund, und man merkt kaum, wie viel man tatsächlich ausgibt. Besonders umstritten sind Lootboxen, deren Inhalt vom Zufall abhängt. Sie erinnern stark an Glücksspiel, weshalb sie in Belgien verboten sind. In der Schweiz fallen Spiele, die wie Geldspiele funktionieren, aber keine echten Gewinne auszahlen, bisher nicht unter das Geldspielgesetz. Dies wird derzeit überprüft. Auch die Altersgrenze von 18 Jahren schützt nur bedingt, da die Kontrolle online mangelhaft durchgeführt wird. 

Noch deutlicher zeigt sich das bei den Sportwetten. Laut einer noch unveröffentlichten Studie von Sucht Schweiz haben die Sportwetten sich in den letzten sieben Jahren versiebenfacht. Rund 46 Prozent der 18- bis 29-Jährigen haben im letzten Jahr gewettet. Männer wetten deutlich häufiger als Frauen, und die Hälfte der Befragten kam mit Werbung dafür in Kontakt.  

Für die Prävention ist es wichtig, die Mechanismen hinter solchen Angeboten zu kennen und darauf aufmerksam zu machen. Ebenso wichtig ist es, den eigenen Konsum zu reflektieren und sich zu fragen, wie Emotionen, Preisgestaltung und das soziale Umfeld ihn beeinflussen. Ergänzend braucht es Werbeverbote, mehr Transparenz über die Geschäftsmodelle und Normkorrektur: Nicht jede und jeder ist gleich stark betroffen, ob bei Social Media, Games oder Wetten. Wer beim Spielen oder Wetten bereits betroffen ist, findet mit der anonymen App «Safergambling» eine erste Unterstützung, um das eigene Spielverhalten besser zu verstehen. 

Digitale Angebote sind nicht per se gut oder schlecht. Entscheidend ist, dass wir ihre Mechanismen kennen, bewusst mit ihnen umgehen und dabei auch unsere eigene Bremse trainieren. 

 

Links:

Sportwetten bei jungen Menschen 

Safer Gambling 

Kontaktperson

Gaspedal ohne Bremse: Wie digitale Angebote uns fesseln und was wir dagegen tun können

Ena Vogler

Praktikantin
Prävention und Gesundheitsförderung

079 171 03 83
E-Mail